Wat is eigentlich ’ne Zensur? Da stellen wir uns mal janz dumm…

Heute großes Thema in den Nachrichten: Facebook soll in die Pflicht genommen werden, verfassungswidrige Verbalergüsse zu löschen. So will es Maas, aber viele Politikerkollegen nicht. Zensur! Große Aufregung – es droht schließlich die Einschränkung der Meinungsfreiheit, wenn Facebook einfach so selber bestimmen kann, was gelöscht wird!

Stellt euch mal vor, Leute – Facebook darf JETZT schon einfach so bestimmen, was gelöscht wird. De facto darf das jedes Forum, jede Website mit Kommentarfunktion und jedes soziale Netzwerk. Und das ist auch keine Zensur.

Aber die Meinungsfreiheit? Schluchz? Wo bleibt denn die kostbare, kostbare Meinungsfreiheit, die uns zusteht?

Schätzchen, passt mal auf: Meinungsfreiheit habt ihr im öffentlichen Raum. Facebook? Ist kein öffentlicher Raum. Die „Nachrichtenseite“ auf Web.de? Kein öffentlicher Raum. Das Katzenforum irgendeine Katzenfuttermarke? Ebenfalls kein öffentlicher Raum.

Diese Seiten gehören jemandem. Derjenige zahlt für den Webspace und stellt ihn zur Verfügung. Nur weil jeder draufgucken kann und viele Leute da hingehen, ist es eben nicht „öffentlich“. Wir sind so daran gewöhnt, im Netz alles umsonst zu kriegen, dass wir schon glauben, alles wäre gemeinsames Eigentum. Ist es aber nicht.

Wer die Miete zahlt, der macht die Regeln. Ganz einfach.

Hier ein Vergleich: stellt euch vor, ihr sitzt in eurer Lieblingskneipe. Facebook ist wie eine Kneipe – jeder darf rein und herumschwafeln, aber der Wirt hat das Hausrecht. Und wenn der Wirt nun sagt, in seiner Kneipe darf man nicht über Enten reden, dann gilt das. Auch wenn das Reden über Enten nicht strafbar ist – hier darf man es nicht, und wenn man die Regel bricht, wird einem das Wort verboten. Schlimmstenfalls fliegt man raus.

Jetzt ersetzt mal die Kneipe durch Facebook und das „Reden über Enten“ durch „Posten von Busenbildern“. Auf Facebook werden Bilder von nackten Brüsten gelöscht. Auch wenn diese Fotos natürlich legal sind – Facebook hat das Hausrecht. Von wegen Meinungsfreiheit, höchstes Gut bla bla bla. Facebook sagt nein, und das wird auch akzeptiert.

Zurück in die Kneipe. Jetzt wird’s politisch. Stellt euch vor, in der Ecke sitzt ein Nazi und wünscht sich lauthals, man würde alle Juden vergasen. Hat der Wirt das zu akzeptieren? Nee. Er darf diese verfassungsfeindlichen Hassreden gar nicht tolerieren, selbst wenn’s ihm egal wäre. Er muss sich darum kümmern, dass der Nazi damit aufhört. Schlimmstenfalls kann er den Nazi von der Polizei an die Luft setzen lassen. Ebenso wenig wie der Wirt darf Facebook Hassreden tolerieren, selbst wenn es ihnen eigentlich wurscht ist.

Solange man die Füße unter dem Tisch anderer Leute hat, muss man ihre Regeln akzeptieren. Und die Gesetze obendrein. Und wo darf man jetzt überhaupt noch seine Meinung sagen?

Draußen auf der Straße darf man das. Auf Ämtern darf man das. In der Zeitung darf man das. Und auf dem eigenen Webspace. Und eben deswegen haben wir eben keine Zensur.

Zensur ist, wenn man auf der Straße und auf dem Amt und in der Zeitung und auf seinem eigenen Webspace nicht sagen darf, was man will. Zensur geht außerdem immer vom Staat aus. Hausrecht ist etwas ganz anderes als Zensur. Aber in unserem schönen Land sind wir so verwöhnt mit Freiheit, dass die meisten von uns nicht mal mehr wissen, was Zensur eigentlich bedeutet. All diesen Heulsusen sei ein Urlaub in Nordkorea ans Herz gelegt.

Und noch was: Wenn einem andere Leute widersprechen, ist das ebenfalls keine Zensur. Die haben schließlich auch Meinungsfreiheit, genau wie man selber. Verfassungswidrige Sachen darf man überhaupt nicht sagen – wem’s nicht passt, der soll in ein Land ziehen, wo die Verfassung ihm besser gefällt.

Um auf Facebook zurückzukommen: Facebook darf jederzeit alles löschen, was ihm passt. Wenn Facebook morgen Gespräche über Enten verbietet, müssen sich die Nutzer daran halten (obwohl es eine völlig sinnlose Regel ist). Das ist keine Zensur. Zensur geht vom Staat aus. Und das sollten Politiker eigentlich wissen.

 

PS: Lustigerweise jammern viel mehr Leute über das Löschen ihrer Hasskommentare als über das Löschen ihrer Bilder von nackten Brüsten. Ich nehme an, das sagt viel über die Prioritäten solcher Leute aus. Vielleicht wären sie weniger neurotisch, wenn sie besser auf ihre Nacktbildersammlung aufpassen würden.

 

PPS: Auf  meiner Website ist hiermit ab sofort das Erwähnen von Borscht verboten. Ich hasse Borscht. Wer Borscht sagt, fliegt raus.

2 thoughts on “Wat is eigentlich ’ne Zensur? Da stellen wir uns mal janz dumm…

  1. Schade. Nachdem ich meinen beiden Töchtern 8&10 den Hummelreiter vorgelesen habe, waren wir allesamt sehr angetan. Insbesondere die Ränke und Intrigen der Macht, incl. psychischer Täuschung durch Duftstoffe, sind so nah am politischen Istzustand, daß ich immer wieder im parallelen Gespräch mit den Kindern Vergleiche zum Ist ziehen konnte.
    Umso enttäuschter bin ich, daß Sie auf Ihrem Blog (also solange wordpress Sie nicht löscht) so schreiben, als stünden Sie selbst unter dem Bann der drei Raupen.

    Ihr Buch empfehle ich dennoch weiter. Und falls Sie eine Ausrede brauchen: Borscht!

    Herzliche Grüße
    Ihr Gregor

    1. Haha, na dann, danke. Ein bisschen Sorgen um deine Kinder mache ich mir ja schon.

      WordPress kann meinen Eintrag nicht löschen. WordPress ist ein Gestaltungsprogramm. Das könnte höchstens mein Internet-Provider, also derjenige, von dem ich die Seite miete. Der wird’s aber nicht tun, denn a) bricht dieser Eintrag keine Regeln und b) glaube ich nicht, dass es ihn interessieren würde.

      Aluhütchen sind in meinem Blog übrigens nicht verboten. Selbst wenn sie Borscht sagen.

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